5.3.08

37. Hermann: unser Vorbild

Schon im 12. Jahrhundert setzten die Legenden um Hermann ein. Eine frühe Erzählung lautete folgendermaßen:
„Es war in einer Gegend Deutschlands ein reicher und mächtiger Graf, der einen Sohn namens Hermann hatte. Als dieser im Knabenalter stand, trat er eines Tages mit seinen Altersgefährten zum Spielen in ein Gehege, dass das Schloss seines Vaters umgab. Als sie da liefen, siehe da kam unvermutet ein Bär seines Vaters daher und jagte alle seine Kameraden in die Flucht; ihn aber als den letzten von allen ergriff er mit seinen Tatzen und da er [ wegen eines Maulkorbs] nicht beißen konnte, drückte und misshandelte er ihn auf das heftigste mit den Vorderbeinen und seinen Krallen. Wenn nicht die Diener seines Vaters aufgeschreckt durch das Geschrei der anderen Knaben rasch herbeigelaufen wären, hätte der Bär ihn getötet. Als der Bär vertrieben war, wurde der kleine Hermann halbtot in die Burg getragen, wo die Fleischwunden, die der Bär geschlagen hatte, nach langer ärztlicher Behandlung irgendwie verheilten; der Gebrauch seiner Hände und Füße konnte aber nicht wiederhergestellt werden.
Da beschlossen sein Vater und seine Mutter in ihrer tiefen Betrübnis, Gott um die Hilfe zu bitten, die kein Mensch geben konnte. Sie brachten ihn zu [vielen] Kirchen weit und breit und flehten die göttliche Barmherzigkeit mit aller Inbrunst um seine Gesundheit an. Aber sie bewirkten nichts; der Zustand des Jungen blieb unverändert. Da reisten sie in noch tieferer Betrübnis nach Rom, um die Fürsprache der seligen Apostel für die schlimme Behinderung ihres Sohnes zu erflehen. Als sie dort mit Wachen, Gebet und Fasten drei Nächte schlaflos verbrachten, da schlief der Junge in der dritten Nacht ein, während Vater und Mutter wachten. Und siehe, im Schlaf stand bei ihm ein glänzender, ehrwürdig bewanderter Mann, der ihn freundlich fragte, ob er lieber volle körperliche Gesundheit erlangen wolle oder Weisheit.
Ermahnt durch eine göttliche Eingebung antwortete der Junge, er begehre mehr die Weisheit als körperliche Gesundheit. Da sagte der Mann, der bei ihm stand: „Weil du den, besseren Teil erwählt hast, sollst du wissen, dass du weiser werden wirst als alle anderen im Römischen Reich, so dass keiner dir in der Wissenschaft gleichkommt.“ Als er das gesagt hatte, verschwand er vor seinen Augen. Der Junge aber erwachte wie aus einem schweren Schlaf und erzählte Vater und Mutter alles, was er im Schlaf gesehen und gehört hatte. Als sie das vernommen hatten, erkannten sie, dass der Junge nach Gottes Willen die verlorene Gesundheit nicht wiedererlangen sollte, und kehrten am nächsten Morgen nach Hause zurück. Sie berieten mit ihren Freunden und gaben den oft genannten Jungen zum Unterricht in den Freien Künsten an die Kirche der seligsten und stets jungfräulichen Gottesmutter Maria zu Augsburg. Und weil er, wie gesagt, völlig auf den Gebrauch seiner Hände und Füße verzichten musste, wurde er täglich von Dienern, die dafür gestellt wurden, zur Schule getragen und zu Füssen des Schulmeisters gesetzt.
Es geschah aber wunderbarerweise, dass er nicht nur alle in kurzer Zeit überflügelte, die zum Studium der Freien Künste erhebliche Zeit vor ihm zusammengeströmt waren, sondern gar selbst die Lehrer, denen er anvertraut war, an gottgegebener Weisheit übertraf . In der Kunst der Musik war er äußerst erfahren und komponierte zum Lob Gottes mehrere Gesänge. – Wenn er seinen Schülern etwas verständlich vortragen wollte, tat er das wegen seiner gebrochenen und rauen Stimme mit Hilfe eines Monochords [und zwar] eher vom diatonischen als vom chromatischen und enharmonischen [Tongeschlecht].“

Eine andere Legende lautete wie folgt:
„Es heißt, dass jener Mann [Hermann] gut und Gott lieb war. Eines Tages kam ein Engel zu ihm und stellte ihm zweierlei zur Wahl: ob er entweder leibliche Gesundheit ohne große Weisheit oder sehr große Weisheit mit leiblicher Schwäche bevorzuge. Da wählte Hermann das zweite und deshalb lag er als Gelähmter oder Gichtkranker fortan darnieder“.

Aus: Walter Berschin und Martin Hellmann, Herrmann der Lahme. Gelehrter und Dichter (1013-1054). Heidelberg 2005.

3 Kommentare:

Anonymous Walter Koller sagte...

Ist es heute nicht gerade so, dass körperliche Unversehrtheit und Schönheit, dazu Dummheit und Dreistigkeit bessere Chancen auf ein menschenwürdiges und reichhaltiges Leben garantieren? Auch hierzulande sind Menschen mit einer Behinderung nur akzeptiert, wenn sie so tun, als würden sie nichts sehen und nichts hören und auch noch auf den Mund hocken. Es sind die anderen, die affengeil durchs Leben tanzen. Wer sich mit Weisheit zu profilieren versucht, ist schnell weg vom Fenster. Herrgottsack, die "Herrmänner" sind heute doch die Schönen und Reichen, die nicht durch Weisheit, sondern durch Jagen (der Schwachen) und Sammeln (von Geld) auffallen und dafür beklatscht werden.

5/7/08 14:04  
Anonymous Anonym sagte...

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15/1/10 17:41  
Anonymous Anonym sagte...

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19/1/10 15:36  

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