10.2.09

51. Eine tragische Komödie

Letzte Woche kam eines Morgens die altbekannte Spitexfrau nicht alleine, sondern mit einer neuen Kollegin, die zukünftig zu mir ebenfalls - wie die Spitexfrau mir versicherte - kommen würde. Beim Versuch mit ihr zu kommunizieren, stellte ich bald fest, dass sie des Deutschen nicht mächtig war. Kein Wort konnte ich mit ihr reden. Am Schluss dieser lächerlichen Vorstellung - es sollte eine Einführung sein - sagte sie zu der Spitexfrau, auf Serbokroatisch, sie wünsche sich noch eine zweite Einführung. Ohne mich zu fragen, kam sie auch am nächsten Tag. Das Selbe in Grün. Nur noch viel lächerlicher. Wieder ohne mich zu fragen, ich verstehe leider nicht Serbokroatisch, vereinbarten sie, dass sie nun alleine zu mir kommen sollte.
Vorgestern war es nun so weit. Sie kam zu mir alleine. Mit einem “Hallo” begrüssten wir uns. Sie meinte: Du erste Patient in Schweiz. I 20 Jahr in Spital arbeite. Und dann versicherte sie mir, sie habe den ganzen Tag Zeit, ich soll also nicht stressen. Schen… langsam… schen langsam… schen Geduld…. Meine Zusicherung, dass ich nicht den ganzen Tag Zeit hätte, verstand sie mit grösster Wahrscheinlichkeit nicht. Ich sagte ihr, dass ich um neun Uhr einen Termin hätte, was tatsächlich der Fall gewesen wäre. Bereits eine halbe Minute nach ihrer Ankunft rief sie ihre Kollegin an, um sie zu fragen, was ich gesagt hätte. Nach dem vierten Anruf sagte ich ihr - oder besser gesagt: Ich versuchte ihr mitzuteilen - , dass ich langsam aber sicher aufs WC müsse. Da versuchte sie mich mit dem Lift hoch zu nehmen. Bis auf dem WC ging’s, zwar nicht gut, aber es ging. Bei meinem Badzimmereingang muss man einen Hebel verschieben um den Deckenschienenlift aufs Klosett zu bringen. Natürlich begriff sie das gar nicht. Sie führte mich zurück ins Zimmer und legte mich aufs Bett. Auf meine Frage, was das solle? und nach meinem Hinweis, dass ich nun definitiv aufs WC müsse, meinte sie: Moment, schen Geduld… Kollegin kommt. So rief sie ihre Kollegin an: Sie soll vorbei kommen um mich aufs WC zu tun. Nach etwa 40 Minuten kam ihre Kollegin. Führte mich aufs WC und hievte mich zurück ins Bett. Dann wusch sie mich und zog mich an. Dann meinte sie, sie müsse jetzt gehen und sagte zu ihrer Kollegin, sie müsse mich noch im Bett stehen lassen (standing im Bett: angurten und das Bett kippen) und dann mich in den Rollstuhl bringen.
Als sie mich anzugurten begann, versuchte ich ihr klar zu machen, dass ich, oder besser: sie den Finger aus dem Arsch nehmen solle, sonst würde ich meinen Termin verpassen. Aber keine Chance. Sie verstand kein Wort. Da versuchte ich ihr mit Zeichensprache klar zu machen, dass ich jetzt nicht mehr stehen kann. “Ich nix stehen. Du mich Rollstuhl“, doppelte ich nach. Schlussendlich hatte sie es doch noch begriffen und endlich konnte ich aufstehen. Doch es war noch nicht fertig. Das Schlimmste sollte erst noch kommen. Da sie mich sehr schief in den Rollstuhl platziert hatte, musste ich unbedingt mit dem Oberkörper hochgehoben werden und besser in den Rollstuhl platziert werden. Darum versuchte ich ihr mitzuteilen, sie müsse mich mit dem Oberkörper hoch nehmen und dann mich zurückschieben. Aber keine Chance. Ich konnte nicht mehr. Ich war fix und fertig. Ich hätte noch einen Wunsch, dass diese Person meine Wohnung verlässt und ich sie nie mehr sehen muss. Ich konnte nur noch weinen und schreien. Zu meinem grossen Glück kam darauf meine Nachbarin zu mir und fragte mich was los sei. Als sie mich nun richtig in den Rollstuhl platziert hatte, erklärte ich ihr, wie unerträglich diese Situation für mich sei. Meiner Nachbarin fügte die Spitexfrau mit gebrochenem Deutsch hinzu: Diese Härr Buchli muss Psychiatrie... Ich tat so, als hätte ich nichts gehört. Denn da noch etwas zu sagen wäre ein Hauchen im Wind: vergeudete Energie. Ich hatte nun mein Termin endgültig verpasst, den es war schon halb zehn, als ich auf die Uhr schaute. Ich hoffte, sie nie mehr sehen zu müssen. Aber vergeblich…
Als am nächsten Tag um sieben Uhr die Spitex zu mir kam und mich begrüsste, musste ich, oh Schreck, die gleiche Gestalt wahrnehmen, wie am vorigen Tag. Mir blieb fast der Atem im Hals stecken. In diesem Augenblick wusste ich definitiv, dass der Weltuntergang kurz bevorstand, ich wusste, dass Uriella tausendmal Recht hatte.
I arbeit zwanzig Jahr in Beruf. I scho wisse was machen mit Härr Buchli sagte sie mir. Und: Problem, in Heimat nit hab Lift versicherte sie mir. Jener Morgen kam mir lang, unendlich lang vor. Das gleiche Theater, wie am Vortag wiederholte sich. Im Bewusstsein meiner Ohnmacht, wagte ich nicht, mich zu wehren und lies geschehen, was geschehen musste. Als sie mich wieder in den Rollstuhl setzte, und zwar derart, dass ich auf den Eiern saß. Da bat ich sie nun mir die Eier ein bisschen zu heben und nach vorne zu nehmen. Darauf wechselte sie die Handschuhe und kam zu mir: Was du wolle? Ich wiederholte meine Bitte und sie darauf: Was du wolle. Darauf wechselte ich zur Zeichensprache über. Als sie endlich begriffen hatte, dass mir etwas zwischen den Beinen weh tat, sagte sie zu mir: Du Schmärzä? Als ich diese Frage bejate, meinte sie: Oooh, muss du gähä zu Arzt. Ich versuchte ihr klarzumachen, dass ich angegurtet werden muss, aber sie verstand kein Wort. Ich wiederholte ganz langsam und deutlich: “Könnten sie mich bitte angurten… A N G U R T E N” sie aber: Was du säge. Ich darauf: “Gurt” Sie darauf: Waaas? Ich nahm den Gurt in die Hand und sprach weiter: “Das da: Gurt. Bitte zu machen”. Da sprach sie: Aaah, jajaja… Jogurt… I verstand was du sagen. Bei meiner grossen Wut, konnte ich mir ein Lächeln nicht verkneifen. Sie eilte darauf zum Kühlschrank und wollte mir ein Jogurt servieren…
Beim Abschied vergass ich diesmal nicht, sie zu bitten, nie mehr zu mir zu kommen. Offenbar hatte sie das falsch verstanden? Dummerweise habe ich erst heute festgestellt, dass sie den Wohnungsschlüssel mir nicht zurück gegeben hat…

Am nächsten Tag kam eine andere Pflegerin. Ihr sagte ich, dass ich mir die andere Querulantin nicht mehr wünsche. Doch die Qual war nicht zu Ende… Nächsten Morgen erschien sie wieder, es folgte das gleiche Theater wie die anderen zwei Male. Zuerst vergass sie den Stecker aus dem Lift zu nehmen und dann verwechselte sie den Aufladestecker mit dem Stecker des Transformers vom Aufladegerät. Nachdem ich die Zähne geputzt hatte, bat ich sie um ein Tuch, um den Mund zu putzten. Darauf sie: Waaas. Also wiederholte ich meine Bitte. Sie erneut: Waaas Tuch? Bitte Hochdeutsch rädä. Ich bemühte mich, ihr klar zu machen, dass “Tuch” Hochdeutsch sei und dass ich gerne den Mund abputzen möchte. Nachher bat ich sie den Urinsack zu kontrollieren, ob schon Urin hereingeflossen wäre, weil ich nämlich ein schlechtes Gefühl hätte. Darauf kam sie näher und streichelte lieb über meinen Arm und sprach: Arme, arme Härr Buchli… Und mit mitleidigen Augen fügte sie hinzu: I wisse, i wisse… Aber Härr Buchli müsse damit lebe… Alles für die Katz. Zum Kotzen. Sie begriff nicht, was ich wollte… Zum Wahnsinnig werden es ist eine richtige Zumutung, mir eine solche Pflegerin vorbei zu schicken. Ich versuchte mehrmals die Spitexleitung telefonisch zu erreichen. Niemand nahm das Telefon ab. Vom Abenddienst der Spitex erfuhr ich, dass momentan die “Chefin” in den Ferien sei und dass das Telefon nur zu gewissen Zeiten abgenommen werde. Am Tag darauf konnte ich die Spitex telefonisch erreichen und bat sie, diese Frau nicht mehr zu mir vorbei zu schicken...

Am nächsten Tag kam trotzdem diese Frau. Kurz nach dem Eintreten sprach sie zu mir: I härä du Chefin anrufä. Du mache viel Reklamation von L. (womit sie sich meinte)… Chefin sage Härr Buchli mache von allen Leuten Reklamation… Nix gut, nix gut. Sie meinte darauf noch: Aber i gute Zeugnis… Arbeite 20 Jahr Spital. Darauf versuchte ich ihr klar zu machen, dass ich gerne glaube, dass das Problem aber anderer Natur ist: Dass sie nicht Deutsch versteht und dass wir uns nicht verständigen können”. Darauf sie: Jajaja… Verstand gut Deutsch… Härr Buchli nix gute rädä…
Darauf wollte sie mich mit dem Lift hochheben. Dabei muss man darauf achten, den Gurt vom Oberkörper ins zweite Loch und die zwei Gurte für die Beine ins erste Loch einzustecken. Sonst besteht nämlich die Gefahr, dass ich aus dem Lift fallen würde. Wenn der Gurt vom Oberkörper im ersten Loch ist, wäre ich zu locker im Lift. Sie hatte es genau umgekehrt gemacht: Die Beine im zweiten und den Oberkörper im ersten. Also sagte ich ihr, sie solls bitte umgekehrt machen, den Oberkörper im zweiten Loch und die Beine im ersten. Sie begriff kein Wort. Ich: “Diese (und dabei zeigte ich auf den Gurt) ins zweite Loch“. Waaas? Darauf ich erneut: “Ins zweite Loch”. Da fragte sie: Was Loch? Es war zwecklos.
Ich sagte: “Du musst zur Schule um Deutsch zu lernen”. Sie: Jajaja. I Deutsch lärnä mit Patient. (dieser Trick wird auch genannt: learning by doing).

Wenn ich gläubig wäre, würde ich mich fragen, mit welcher Sünde ich eine solche entwürdigende Episode verdient hätte. Die Antwort auf diese Frage wäre folgende: Mit der Unterlassung der Wahrnehmung meiner kapitalistischen Freiheit, Wahlfreiheit: Weil ich nicht bereits früher eine andere Spitex genommen habe. Eine Unterlassung die ich jetzt unbedingt nachholen muss. Aber hängt diese Unterlassung bloß mit der Faulheit zusammen? Ich meine nicht. Ich erinnere mich nämlich zu genau des letzten Males einer Spitexänderung: Damals - ich hatte gewisse Probleme mit der damaligen Spitex, täglich kamen neue, nicht eingeführte Pfleger zu mir - wechselte ich vom Regen in die Traufe. Ich habe Angst das Gleiche wieder zu machen. Ich weiss nicht welche Spitex zuverlässig wäre.
Wieso nehme ich eigentlich meine Pflegeassistenz nicht von meinen PrivatassistentInnen in Anspruch und finanziere sie über das Assistenzbudget? Dafür ist wohl das Budget zu gering. Ich müsste dafür auf mehrere Stunden Assistenz verzichten, damit ich die Pflegeassistenz privat bezahlen könnte. Und dass geht für mich nicht. Und außerdem wäre das nicht die Absicht des Assistenzbudgets. Pflegeassistenz ist vorläufig - vielleicht ändert sich das einmal - Sache der Spitex. Und die Spitex wird von der Krankenkasse finanziert. Mein Vorschlag, die Krankenkasse soll mir direkt aufs Konto die Kosten der Spitex überweisen, damit ich Privatassistenz auch für die Körperpflege anstellen könnte, wurde von der Kasse abgelehnt. Mit der Begründung, sie seinen per Gesetz dazu verpflichtet, offiziell eine anerkannte Spitex zu finanzieren und das Geld nicht einem Patienten selber zukommen zu lassen.

Was mich erstaunt ist der Umstand, dass es nicht eine Qualitätskontrolle bei den Spitexen gibt. Denn ich vermute, dass ich bei Weitem nicht der einzige bin, der das Problem zu beklagen hat.

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2 Kommentare:

Anonymous Shlomit sagte...

Sehr gut geschrieben!
Deine Erfahrungen mit der Spitex-Frau sind erschüttert!

14/2/09 17:01  
Anonymous Gisep Buchli sagte...

Vielen Dank für den Kommentar.

Gruss Gisep

24/2/09 13:34  

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